Impuls für Freitag, 6.2.2026

Losung
Du, Herr, bist gerecht, wir aber müssen uns alle heute schämen.
Dan 9,7

Lehrtext
Der König wird ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.
Mt 25,45

Impuls für den Tag
Mitten in einer Stadt schließt ein Mann die Tür seines Büros auf und stockt für Sekunden im Türrahmen. Er denkt an gestern, an die Kollegin, die „nur kurz reden“ wollte, an den Bettler vor dem Supermarkt, den er geübten umrundet hat. Weshalb er daran denken muss, weiß er nicht. Dennoch kommt ihm ein „hätte ich doch“ in den Sinn und sackt ins Herz – ein Quantum Scham. Eigentlich ist nichts passiert. Es ist nur eine kleine Bilanz von Unterlassungen, eine unsichtbare Liste versäumter Gesten. Doch vielleicht ist die Scham ein Licht, das weniger entlarvt, als vielmehr zeigt, was möglich wäre.
Ich kenne sie auch, die Namen, Gesichter, Gelegenheiten, die auf dem Weg durch den Tag zu Boden gefallen sind. Und ich kenne ebenso gut jene Scham. Doch ich glaube auch, dass Gottes Güte sich an jedem Abend daneben legt, neben mich und dich, und sagt: „Ich werde wieder da sein und auf dich hoffen.“ Darum will ich gern antworten: „Dann hilf mir morgen, dich nicht zu übersehen.“ Und es wird nach der Nacht ein neuer Tag beginnen, ein Tag nach der Scham, ein Tag mit neuem Licht, der leise, nur behutsam, aber beständig fragt: „Werden wir heute zueinander finden?“

Sebastian Schirmer, Leipzig